Liebe Leserinnen und Leser,

der August stellte zwei Fragen: Wird die Inflation wieder zum Problem? Und trägt die KI-Euphorie, wenn Geld länger teuer bleibt? Beide sind offen. Der Blick geht diesmal vor allem über den Atlantik: Die entscheidenden Daten kamen aus den USA, und deren Notenbank gibt den Takt für die Weltmärkte vor. Wo es um Europa geht, sagen wir es ausdrücklich. Wir halten Orientierung für wichtiger als Vorhersage.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Zinserwartung in den USA drehte im August zweimal: erst nach unten durch einen schwachen Arbeitsmarktbericht, dann wieder nach oben durch eine Rede des Notenbankchefs in Jackson Hole.
  • Starke Zahlen von Nvidia zeigten, dass die Nachfrage nach KI-Infrastruktur real ist. Über den Ölpreis kam gegen Monatsende die Geopolitik dazu.
  • Trotz aller Gegenläufigkeit schlossen S&P 500 und Nasdaq den August 2,6 und 3,9 Prozent im Plus.

Die US-Zinsfrage, zweimal gedreht

Am 29. Juli beließ die US-Notenbank ihren Leitzinskorridor bei 3,5 bis 3,75 Prozent. Drei Mitglieder wollten bereits erhöhen. Der September war damit offen, nicht entschieden.

Am 7. August meldete das US-Arbeitsministerium für Juli zunächst einen Stellenrückgang von 23.000, obwohl niemand einen erwartet hatte. Die Erwartung an eine Zinserhöhung fiel. Fünf Tage später lag die US-Verbraucherpreisinflation mit 3,4 Prozent genau im Rahmen, Energie verbilligte sich sogar. Es sah nach Entwarnung aus.

Sie hielt nicht. Am 26. August zeigte der breitere US-Preisindex PCE für Juli 3,7 Prozent, die Kernrate 3,3 Prozent.

Kurz erklärt: Was ist der PCE-Preisindex?

Neben dem bekannten Verbraucherpreisindex CPI gibt es in den USA einen zweiten Inflationsmaßstab, den PCE. Er misst nicht einen festen Warenkorb, sondern bezieht ein, dass Menschen auf teurere Preise reagieren und ausweichen. Außerdem deckt er mehr ab, etwa Gesundheitsausgaben, die über Versicherungen laufen. Die US-Notenbank orientiert sich an ihm, wenn sie von ihrem Ziel von zwei Prozent spricht. Deshalb ist er für Zinsentscheidungen wichtiger als der CPI, auch wenn Letzterer in den Schlagzeilen häufiger vorkommt.

Zwei Tage nach den PCE-Daten betonte Fed-Chef Kevin Warsh in Jackson Hole, die Rückführung der Inflation auf zwei Prozent habe Vorrang. Das war keine Zinsentscheidung. Trotzdem stieg die in den Terminmärkten eingepreiste Wahrscheinlichkeit einer Erhöhung nach Auswertungen des CME-FedWatch-Werkzeugs von rund 35 auf knapp 58 Prozent.

Märkte bewerten eben auch, wie eine Notenbank dieselben Daten liest.

Zwei Nachträge nach Monatsende ordnen das Bild. Am 1. September schätzte Eurostat die Inflation im Euroraum für August auf 3,3 Prozent, angetrieben fast allein von Energie. Und am 4. September revidierte die US-Behörde den schwachen Juli auf plus 21.000 Stellen und meldete für August 162.000 neue Stellen. Der vermeintliche Bruch am Arbeitsmarkt war keiner.

KI blieb real, Energie blieb das Risiko

Nvidia lieferte am 26. August stärkere Quartalszahlen als erwartet, die Aktie stieg am Folgetag um 8,7 Prozent. Die Investitionen in Rechenleistung finden also weiter statt. Daraus folgt nicht, dass jede Technologieaktie richtig bewertet ist.

Die Gegenkraft kam aus der Energie. Schon am 11. August rechnete die US-Energiebehörde mit stark eingeschränkten Transporten durch die Straße von Hormus.

Kurz erklärt: Warum ist die Straße von Hormus so wichtig?

Die Meerenge zwischen dem Persischen Golf und dem Golf von Oman ist an ihrer engsten Stelle nur wenige Seemeilen breit. Durch sie läuft ein erheblicher Teil des weltweit auf dem Seeweg transportierten Öls und Flüssiggases. Eine Störung dort verteuert deshalb nicht nur regionale Lieferungen, sondern hebt den Ölpreis weltweit. Über die Energiekosten wandert das in die Inflationsstatistik und von dort in die Zinserwartung. So wird aus einem geografisch begrenzten Konflikt eine Frage, die jedes Depot betrifft.

Am Sonntag, dem 30. August, griffen die USA iranische Raketenstellungen an. Am ersten Handelstag danach stiegen der Ölpreis und die US-Renditen, die amerikanischen Aktienmärkte gaben leicht nach. Starke Unternehmensnachrichten und Inflationssorgen standen also nebeneinander, und beide waren berechtigt.

Was das für die Strategie heißt

Wir sehen im August weder den Beweis für eine Rotation weg von Technologie noch für eine sichere neue Zinsrichtung. Die Frage nach den Bewertungen bleibt berechtigt, die Nachfrage nach KI-Infrastruktur bleibt sichtbar, und ein Energieschock kann über Inflation und Zinsen viele Anlageklassen zugleich belasten. Deshalb ist die Strategie nicht auf die Behauptung gebaut, eine dieser Geschichten müsse gewinnen.

Ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich dieselbe Nachricht wirkt: Die starken Nvidia-Zahlen waren vor allem Rückenwind für die größten Technologiewerte. Für einen gleichgewichteten US-Baustein, in dem alle 500 Unternehmen ein ähnliches Gewicht tragen, ist eine von wenigen Titeln getragene Rally relativ eher Gegenwind. Das ist kein Fehler, sondern der Preis der breiteren Streuung.

Ähnlich zweischneidig sind steigende Zinsen. Sie wirken je nach Anlagebereich in verschiedene Richtungen:

Zinsen und Bankgeschäft
Höhere Zinsen können die Margen europäischer Banken stützen, weil die Spanne zwischen Geldaufnahme und Kreditvergabe wächst. Schwächt die teure Energie später die Konjunktur, steigt im Gegenzug das Kreditrisiko.
Zinsen und Unternehmensbewertung
Wachstumswerte beziehen einen größeren Teil ihres Wertes aus weit entfernten Gewinnen. Steigende langfristige Zinsen drücken deren heutigen Wert stärker als den von Substanzwerten.
Zinsen und Stabilität
Hohe kurzfristige Zinsen machen verzinste Liquidität wieder wertvoll. Volatilitätsorientierte Ansätze dagegen richten bei einem reinen Zinsschock ohne Aktienturbulenz wenig aus.

Keiner dieser Bausteine ist Vollschutz. Zusammen decken sie verschiedene Fehlerquellen ab.

Was hängenbleibt

Keine der großen Meldungen des Monats trug für sich allein. Erst ihr Zusammenspiel erklärt den August.

Für September zählt deshalb keine Tagesprognose. Unsere Haltung bleibt: Unsicherheit gehört nicht versteckt, sondern in der Strategie berücksichtigt. Die Bausteine müssen auch dann zusammenpassen, wenn eine Schlagzeile am nächsten Datenpunkt schon wieder relativiert wird. Kein Hexenwerk, nur Handwerk.

Wenn Sie Fragen zu dieser Einordnung haben, kommen Sie jederzeit gerne auf uns zu. Wir nehmen uns die Zeit.

Bleiben Sie gelassen, wir tun es auch. Bis zur nächsten Ausgabe.

Häufige Fragen

Was bedeuten die widersprüchlichen Daten für die Zinsen?

Eine verlässliche Richtung lässt sich daraus noch nicht ableiten. Die schwache Juli-Erstmeldung verlor durch die Revision auf plus 21.000 Stellen ihr Gewicht, und 162.000 neue Stellen im August sprechen gegen einen abrupten Einbruch. Gleichzeitig bleibt der Preisdruck in den USA mit erhöhten Verbraucher- und PCE-Raten und teurer Energie sichtbar. Für die US-Notenbank zählt deshalb nicht eine einzelne Zahl, sondern ob Arbeitsmarkt und Inflation sich über mehrere Veröffentlichungen hinweg in dieselbe Richtung bewegen. Unser Blick auf September bleibt offen: Eine Erhöhung ist möglich, aus den Daten des Augusts aber weder zwingend noch ausgeschlossen.

Warum helfen starke Nvidia-Zahlen einem gleichgewichteten US-Baustein nicht automatisch?

Der Unterschied liegt in der Bauweise. In einem nach Börsenwert gewichteten Index bestimmen die größten Unternehmen den Kurs besonders stark. In einem gleichgewichteten Index trägt dagegen jedes der 500 Unternehmen ein ähnliches Gewicht, das regelmäßig wieder angeglichen wird. Dadurch verteilt sich das Risiko einzelner Schwergewichte breiter. Der Preis dafür wird sichtbar, wenn nur wenige große Technologiewerte steigen, denn dann bleibt die gleichgewichtete Variante relativ zurück. Beteiligen sich später mehr Unternehmen am Aufschwung, gewinnt die breite Gewichtung an Bedeutung. Gute Nvidia-Zahlen belegen deshalb KI-Nachfrage, aber noch keine breite Marktstärke.

Was bedeuten höhere Energiepreise für die einzelnen Bausteine?

Entscheidend ist, welche Art von Zinsschock folgt. Steigen mit dem Ölpreis auch die Inflationserwartungen, profitieren europäische Banken nur dann, wenn die Notenbank ihre Leitzinsen länger hoch hält oder die Zinsstruktur das Geschäft zwischen Geldaufnahme und Kreditvergabe stützt. Teure Energie selbst verbessert keine Marge. Sie kann die Konjunktur schwächen und später Kreditausfälle erhöhen. Steigen die Renditen dagegen ohne zusätzlichen Inflationsdruck, können Edelmetalle gemeinsam mit Wachstumswerten nachgeben, und Value reagiert dann oft weniger empfindlich als Growth. Für die Strategie zählt deshalb die Ursache der Zinsbewegung mehr als deren Höhe allein.

Gilt diese Einordnung automatisch für jedes Depot?

Nein. Der Marktbrief beschreibt die allgemeine Strategie und ihre Wirkungswege. Ein einzelnes Depot kann davon im Detail abweichen, etwa durch den Einstiegszeitpunkt, das vereinbarte Risikoprofil, die Anlagesumme oder individuelle Rahmenbedingungen. Aus diesem Brief lässt sich deshalb weder eine persönliche Aufteilung noch eine konkrete Handlung ableiten. Maßgeblich für Ihren eigenen Stand ist Ihr individuelles Reporting. Wenn Sie wissen möchten, wie sich die beschriebenen Zusammenhänge in Ihrem Depot abbilden, gehen wir das gerne persönlich mit Ihnen durch.


— Philipp Schütz, Die BeratungsManufaktur GmbH

Diese Information dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine Anlageberatung oder Empfehlung dar. Jede Kapitalanlage ist mit Risiken verbunden, bis hin zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals.