Liebe Leserinnen und Leser,
der September war ein Monat der Notenbanken, gleich drei große haben binnen neun Tagen erhöht. Der Blick geht deshalb in mehrere Richtungen: in den Euroraum, in die USA und nach Japan. Wo von einem Land die Rede ist, sagen wir es ausdrücklich.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Europäische Zentralbank, die US-Notenbank und die Bank von Japan haben im September binnen neun Tagen ihre Leitzinsen erhöht.
- Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen stieg auf 5,29 Prozent, so hoch wie zuletzt im Frühjahr 2002.
- An den Aktienmärkten gingen die Wege auseinander: US-Technologiewerte legten zu, der US-Index Dow Jones und der deutsche DAX verloren rund vier Prozent.
Drei Notenbanken erhöhen, eine wartet
Den Anfang machte am 10. September die Europäische Zentralbank mit einem Schritt um 0,25 Prozentpunkte, der Einlagesatz für Banken im Euroraum liegt nun bei 2,50 Prozent. Sie begründete das mit dem Preisdruck aus dem Konflikt im Nahen Osten.
Am 16. September folgte die US-Notenbank, ebenfalls um 0,25 Prozentpunkte auf einen Korridor von 3,75 bis 4,00 Prozent. Die Mehrheit der US-Notenbanker hält bis zum Jahresende mindestens einen weiteren Schritt für angemessen, eine feste Zusage ist das nicht. Zwei Tage später hob die Bank von Japan ihren Leitzins auf 1,25 Prozent an, um die zugrunde liegende Teuerung dort bei zwei Prozent zu stabilisieren. Die Bank of England in Großbritannien wartete dagegen und beließ ihren Leitzins mit sechs zu drei Stimmen bei 3,75 Prozent.
Die US-Verbraucherpreise lagen im August 3,4 Prozent über dem Vorjahr. Das von der US-Notenbank bevorzugte Preismaß PCE lag ohne Energie und Nahrungsmittel bei 3,0 Prozent. In Deutschland stieg die Inflation im September vorläufig auf 3,3 Prozent. Für den gesamten Euroraum meldete Eurostat am 2. Oktober nach einer ersten Schätzung sogar 3,8 Prozent, getrieben vor allem von der Energie.
Am US-Arbeitsmarkt kühlte es dagegen ab. Laut US-Arbeitsmarktbehörde wuchs die Beschäftigung außerhalb der Landwirtschaft im September nur um 29.000 Stellen, deutlich weniger als erwartet, und die Arbeitslosenquote stieg von 4,1 auf 4,2 Prozent. Juli und August korrigierte die Behörde zusammen um 60.000 Stellen nach unten.
Die Zinsen stiegen, die Börsen gingen getrennte Wege
Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen stieg von 4,75 auf 5,29 Prozent, und zwar bis zum letzten Handelstag. Auch zehnjährige Bundesanleihen rentierten am Monatsende gut einen Viertelprozentpunkt höher, bei rund 3,6 Prozent.
Kurz erklärt: Warum fallen Anleihekurse, wenn die Renditen steigen?
Eine festverzinsliche Anleihe zahlt über ihre Laufzeit einen vereinbarten Zins. Steigt das allgemeine Zinsniveau, bringen neue Anleihen mehr Ertrag, und ältere lassen sich nur noch zu einem niedrigeren Kurs verkaufen. Rendite und Kurs bewegen sich deshalb gegenläufig. Bei sonst vergleichbaren Anleihen reagiert der Kurs umso stärker, je länger die Restlaufzeit ist.
Bei weiter gestörten Lieferungen rund um die Straße von Hormus stieg der Spotpreis für sofort lieferbares Rohöl der Sorte Brent am 15. September bis auf 130,80 Dollar je Barrel, nach knapp 90 Dollar Ende August. Bis zum 29. September gab er wieder auf rund 114 Dollar nach. Gold verbilligte sich dagegen in Dollar gerechnet um mehr als sechs Prozent.
Kurz erklärt: Was ist der Spotpreis beim Öl?
Der Spotpreis gilt für Rohöl, das kurzfristig geliefert wird. Daneben werden Terminkontrakte gehandelt, die eine Lieferung in einigen Wochen oder Monaten festlegen. Der Abstand zwischen beiden Preisen hängt unter anderem vom Liefertermin, von den Lagerkosten und von der Verfügbarkeit ab. Ist Öl akut knapp, kann sofort verfügbares Öl deutlich teurer sein als späteres. Deshalb nennen Berichte je nach Maß unterschiedliche Ölpreise.
In den USA schloss der Nasdaq Composite den September 1,9 Prozent im Plus, der S&P 500 leicht im Minus. Deutlich schwächer liefen der Dow Jones mit minus 4,3 Prozent und der deutsche Leitindex DAX mit rund minus vier Prozent. An der US-Börse blieb Panik aus, das Schwankungsbarometer VIX stieg nur leicht. Für Anleger in Euro kam hinzu: Der Euro verlor rund zwei Prozent gegenüber dem Dollar, was nicht währungsgesicherte Dollaranlagen in Euro gerechnet etwas aufwertete.
Was das für die Strategie heißt
Ein Zinsschock ist ein anderer Gegner als ein Börsenabsturz.
Erstes Beispiel: Gegen einen Absturz können Bausteine helfen, die auf stark steigende Aktienschwankungen reagieren, je nach Instrument und Marktverlauf unterschiedlich gut. Steigen dagegen die Zinsen bei niedrigen Schwankungen, haben solche Absicherungen wenig zu tun und können trotzdem Kosten verursachen.
Zweites Beispiel: Hochwertige Staatsanleihen haben Aktienverluste in vielen Krisen abgefedert, vor allem bei Wachstumssorgen. Kommt der Druck aber von Inflation und Zinsen, können Anleihe- und Aktienkurse gemeinsam fallen. Kurzfristige verzinste Anlagen bringen nach Zinserhöhungen dagegen wieder spürbar Ertrag. Wie schnell höhere Zinsen dort ankommen und wie rasch das Geld verfügbar ist, hängt von der jeweiligen Anlage ab.
Drittes Beispiel: Edelmetalle gelten als Schutz vor Kaufkraftverlust, aber nicht in jeder Phase. Steigen die Zinsen stärker als die erwartete Inflation, steigen also die realen Renditen, verlieren Gold und Silber oft an Glanz. Genau das war im September bei den US-Renditen zu beobachten.
Deshalb ist die Strategie nicht auf einen einzigen Schock gebaut. Sie hat Regeln für den Fall, dass die Zinsen weiter steigen, und andere für den Fall, dass sich die Verluste an den Aktienmärkten ausweiten. Wie sich der September in Ihrem eigenen Depot zeigt, besprechen wir gern persönlich mit Ihnen.
Was hängenbleibt
Der September hat gezeigt: Die Zinsen sind kein Randthema mehr, und sie wirken nicht überall gleich.
Für Oktober zählt deshalb keine Prognose, sondern der Blick auf die richtigen Daten: die Inflation in den USA und im Euroraum, die Energiepreise und die nächsten Notenbanksitzungen. Kein Hexenwerk, nur Handwerk.
Bleiben Sie gelassen, wir tun es auch. Bis zur nächsten Ausgabe.
Häufige Fragen
Warum erhöhen die Notenbanken, obwohl das die Wirtschaft bremst?
Weil sie die Inflation für das größere Risiko halten. Sowohl die Europäische Zentralbank als auch die US-Notenbank erwarten, dass die Teuerung in diesem Jahr deutlich über ihrem Ziel von zwei Prozent liegt. Bleibt sie lange erhöht, gewöhnen sich Unternehmen und Haushalte daran, und sie lässt sich später nur mit größerem Schaden senken. Ein Zinsschritt heute soll das verhindern. Der Preis dafür zeigt sich meist erst mit Verzögerung, denn höhere Zinsen bremsen Kredite und Investitionen nach und nach.
Sind fünf Prozent Rendite für US-Staatsanleihen ein Warnsignal?
Für sich allein nicht. Hohe Renditen bedeuten zunächst, dass Sparer und Anleger für langfristiges Geld wieder einen ordentlichen Zins bekommen. Kritisch wird es, wenn die Renditen schnell steigen, denn dann müssen Unternehmen und Staaten ihre Finanzierung rasch neu rechnen. Im September stieg die zehnjährige US-Rendite in einem Monat um mehr als einen halben Prozentpunkt. Wer neu kauft, erzielt dadurch eine höhere Rendite. Bei bereits gehaltenen Anleihen sinkt dagegen zunächst der Marktwert, ein Verlust entsteht bei einem Verkauf vor Fälligkeit. Entscheidend ist, ob die Bewegung aus besserem Wachstum oder aus Sorge um die Inflation kommt.
Warum haben die Aktienmärkte so unterschiedlich reagiert?
Ein Rückhalt für den technologielastigen US-Index Nasdaq war die anhaltende Nachfrage nach Rechenzentren für künstliche Intelligenz. Oracle etwa meldete am 10. September 121 Prozent mehr Umsatz mit Cloud-Infrastruktur, steckt aber so viel Geld in den Ausbau, dass der freie Mittelzufluss im Quartal negativ war. Steigende Gewinne können höhere Zinsen teilweise ausgleichen. Ob das gelingt, hängt auch von den Bewertungen ab. Der US-Index Dow Jones und der deutsche DAX gaben dagegen nach.
Gilt diese Einordnung automatisch für jedes Depot?
Nein. Der Marktbrief beschreibt die allgemeine Strategie und ihre Wirkungswege. Ein einzelnes Depot kann davon im Detail abweichen, etwa durch den Einstiegszeitpunkt, das vereinbarte Risikoprofil, die Anlagesumme oder individuelle Rahmenbedingungen. Aus diesem Brief lässt sich deshalb weder eine persönliche Aufteilung noch eine konkrete Handlung ableiten. Maßgeblich für Ihren eigenen Stand ist Ihr individuelles Reporting. Wenn Sie wissen möchten, wie sich die beschriebenen Zusammenhänge in Ihrem Depot abbilden, gehen wir das gerne persönlich mit Ihnen durch.
Philipp Schütz, Die BeratungsManufaktur GmbH
Diese Information dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine Anlageberatung oder Empfehlung dar. Jede Kapitalanlage ist mit Risiken verbunden, bis hin zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals.