Liebe Leserinnen und Leser,
nach dem Zinsmonat September war der Oktober ein Monat der Unternehmenszahlen und der Politik. Der Blick geht vor allem in die USA, dazu nach Brasilien, wo eine Wahl die Börse bewegte. Wo es um Europa geht, sagen wir es ausdrücklich.
Das Wichtigste in Kürze
- Die US-Notenbank, die Europäische Zentralbank und die Bank von Japan ließen ihre Leitzinsen im Oktober unverändert, die Renditen langfristiger US-Staatsanleihen sanken.
- Nach den Quartalszahlen gaben die großen US-Technologiewerte deutlich nach, der US-Index Nasdaq 100 erlebte mit minus 6,7 Prozent den schwächsten Monat seit März 2025.
- Der US-Index Dow Jones und der deutsche DAX legten im Oktober zu, Rohöl verteuerte sich deutlich.
- In Brasilien fiel der Leitindex Ibovespa nach der Stichwahl um die Präsidentschaft an einem Tag um 13,9 Prozent.
Pause bei den Notenbanken
Die US-Notenbank beließ ihren Leitzins am 28. Oktober im Korridor von 3,75 bis 4,00 Prozent. Zwei der zwölf stimmberechtigten Mitglieder hätten lieber erhöht. In ihrer Erklärung beschreibt sie die US-Wirtschaft als kräftig wachsend und die Inflation als erhöht. Die US-Verbraucherpreise, die am Sitzungstag vorlagen, waren im September 3,7 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Am Morgen nach der Sitzung meldete die US-Statistikbehörde, dass die Wirtschaft im dritten Quartal auf das Jahr hochgerechnet um 3,4 Prozent gewachsen war. Der Preisindex der privaten Konsumausgaben, kurz PCE, lag ohne Energie und Nahrungsmittel im September 3,1 Prozent über dem Vorjahr. Diese Kernrate beachtet die US-Notenbank besonders.
Einen Tag später beließ die Europäische Zentralbank den Einlagesatz für Banken im Euroraum bei 2,50 Prozent. Die Bank von Japan hielt ihren Leitzins am 30. Oktober bei 1,25 Prozent. In Deutschland ging die Inflation im Oktober nach vorläufigen Zahlen auf 2,8 Prozent zurück, nach 3,3 Prozent im September. Die Wirtschaft im Euroraum wuchs im dritten Quartal um 0,4 Prozent zum Vorquartal, die deutsche um 0,2 Prozent.
Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen sank vom Ende des Vormonats bis Ende Oktober von 5,29 auf 4,94 Prozent, die der jüngsten zehnjährigen Bundesanleihe nach Angaben der Bundesbank von 3,58 auf 3,34 Prozent. Rohöl der Sorte Brent verteuerte sich dagegen gemessen am jeweils nächstfälligen Terminkontrakt um knapp 14 Prozent auf 117,64 Dollar je Barrel zum Handelsschluss am 30. Oktober, bei anhaltenden Angriffen auf Schiffe rund um die Straße von Hormus. Gold verlor am Terminmarkt in Dollar rund sieben Prozent.
Die Woche, in der die US-Technologiewerte kippten
Bis zur Wochenmitte wirkte die US-Börse robust. Der breite US-Index S&P 500 legte vom 26. bis 28. Oktober an drei Tagen in Folge zu, und am Mittwochabend ließ die US-Notenbank den Leitzins wie erwartet unverändert. Dann kamen die Quartalszahlen der großen US-Technologiekonzerne, und die Stimmung drehte.
Kurz erklärt: Was ist der freie Mittelzufluss?
Der freie Mittelzufluss, englisch Free Cashflow, ist der Zahlungsüberschuss aus dem laufenden Geschäft nach Abzug der Investitionen in Gebäude, Anlagen und Technik. Ist er positiv, kann das Unternehmen etwa Schulden tilgen, Dividenden zahlen oder Aktien zurückkaufen. Ist er negativ, deckt es die Lücke aus vorhandenen Mitteln, neuen Schulden oder frischem Eigenkapital. Ein negativer Wert kann aus hohen Investitionen oder aus einem schwachen Geschäft entstehen. Ob sich die Ausgaben später auszahlen, sagt er allein nicht.
Den Anfang machte Alphabet, der Mutterkonzern von Google. Der Konzern investierte im dritten Quartal 51,4 Milliarden Dollar in Sachanlagen, deutlich mehr, als das laufende Geschäft mit 42,3 Milliarden Dollar einbrachte. Der freie Mittelzufluss war damit um 9,1 Milliarden Dollar negativ. Die Aktie verlor am 29. Oktober 12,6 Prozent, gemessen an den Schlusskursen der größte Tagesverlust seit dem Börsengang 2004. Am Abend folgten Amazon und Intel. Amazon investierte im Quartal 77,3 Milliarden Dollar. Intel enttäuschte mit dem Ausblick auf das Schlussquartal, die Aktie brach am 30. Oktober um 28,6 Prozent ein. Auch die Halbleiterbranche geriet unter Druck: Der US-Halbleiterindex der Börse Philadelphia fiel an diesem Tag um 7,2 Prozent.
Der Nasdaq 100, in dem die hundert größten Unternehmen der US-Technologiebörse Nasdaq außerhalb der Finanzbranche stehen, verlor am 30. Oktober 3,5 Prozent, der S&P 500 1,8 Prozent. Für den Nasdaq 100 war der Oktober mit minus 6,7 Prozent der schwächste Monat seit März 2025. Alphabet gab im Oktober knapp 19 Prozent ab, Meta rund 15 Prozent, Nvidia rund 10 Prozent.
Die Botschaft dieser Tage: Eine hohe Nachfrage nach künstlicher Intelligenz genügt den Anlegern nicht mehr. Sie wollen sehen, dass die gewaltigen Investitionen sich in Wachstum, Gewinnspannen und Geldzufluss auszahlen. Bemerkenswert ist, wohin das Geld floss. Der US-Index Dow Jones stieg im Oktober um 1,7 Prozent, der deutsche DAX um 2,5 Prozent. Die Verluste konzentrierten sich auf die großen US-Technologiewerte, andere Teile des Aktienmarkts entwickelten sich deutlich besser.
Brasilien wählt, die Börse erschrickt
In Brasilien gewann Amtsinhaber Lula am 25. Oktober die Stichwahl um die Präsidentschaft mit knapp 52 Prozent. Im ersten Wahlgang Anfang Oktober hatte sein Herausforderer Flávio Bolsonaro noch vorn gelegen, der brasilianische Leitindex Ibovespa stieg darauf an einem Tag um 7,7 Prozent. Am Montag nach der Stichwahl fiel er um 13,9 Prozent, im Monat um knapp zehn Prozent. Der brasilianische Real verlor gegenüber dem Dollar zusätzlich an Wert.
Was das für unsere Strategie heißt
Seit dem Sommer folgt unsere Strategie einem einfachen Gedanken: kaufen, wo es günstig ist, nicht wo es laut ist. Die Aktienbausteine liegen deshalb bewusst nicht dort, wo die großen US-Technologiewerte den Ton angeben, sondern in Bereichen, die niedriger bewertet sind als diese: europäische Substanzwerte, also solide und eher niedrig bewertete Unternehmen, dazu Gesundheitswerte weltweit, Lateinamerika und die breite US-Wirtschaft in gleicher Gewichtung. Das beschreibt den Ansatz. Die Indexstände in diesem Brief sind öffentliche Marktdaten und keine Auskunft darüber, wie sich diese Bausteine entwickelt haben. Vier Wirkungswege zeigen, worauf die Strategie dabei achtet.
Erstens die Gewichtung. Ein Index ist nur so breit, wie er gewichtet ist. Im gewöhnlichen S&P 500 bestimmen wenige sehr große Technologiekonzerne einen großen Teil der Bewegung. Zweifeln Anleger an deren Investitionen, trifft das den ganzen Index, auch wenn die meisten Unternehmen darin kaum berührt sind. In der gleichgewichteten Fassung zählt jedes Unternehmen gleich viel. Die Bewegung einzelner Riesen fällt dadurch weniger ins Gewicht.
Kurz erklärt: Was bedeutet Gleichgewichtung bei einem Index?
Die meisten bekannten Aktienindizes gewichten ihre Unternehmen nach dem Börsenwert. Ein sehr großer Konzern bewegt den Index dann viel stärker als ein kleiner. Bei einer Gleichgewichtung erhält jedes Unternehmen denselben Anteil, unabhängig von seiner Größe. Beim gleichgewichteten S&P 500 werden die Anteile vierteljährlich wieder angeglichen, dazwischen verschieben sie sich mit den Kursen. Beide Verfahren haben Vor- und Nachteile, je nachdem, welche Unternehmen gerade den Markt tragen.
Zweitens die Absicherung. Neben den Aktien stehen Bausteine, die weitgehend unabhängig vom Aktienmarkt arbeiten und einen Teil seiner Risiken begrenzen sollen. Sie verursachen Kosten und können selbst Verluste machen, auch wenn Aktien fallen. Wie gut sie wirken, hängt vom jeweiligen Instrument und vom Marktverlauf ab, eine Garantie gibt es nicht. Sie gehören in eine Strategie, die nicht auf einen einzigen Marktverlauf setzt.
Drittens das Stufenprogramm. Es kauft Aktien nicht nach Bauchgefühl, sondern nach festen Kursschwellen, und dafür wird Liquidität bereitgehalten. Ende Oktober griff keine neue Stufe, der Rückgang reichte dafür noch nicht aus. Fallen die Kurse weiter, ist bereits festgelegt, was dann geschieht, und zwar bevor die Schlagzeilen lauter werden. So wird weder im ersten Schreck gekauft noch aus Angst verkauft.
Viertens die Ehrlichkeit bei den günstigen Bereichen. Auch Lateinamerika gehört dazu, und Brasilien hat im Oktober gezeigt, dass günstig nicht sicher heißt. Politik kann eine Börse über Nacht neu bewerten, und die Währung verstärkt den Ausschlag für Anleger aus dem Euroraum. Eine niedrige Bewertung schützt nicht vor dem Schock, sie verändert aber die Ausgangslage danach. Deshalb gilt auch hier: feste Regeln statt einer Entscheidung im ersten Schreck.
Ein Punkt bleibt offen. Im Oktober stieg der Ölpreis, und trotzdem sanken die US-Renditen. Ob diese Entspannung trägt, entscheiden die nächsten Inflationsdaten.
Wie sich der Oktober in Ihrem eigenen Depot zeigt, besprechen wir gern persönlich mit Ihnen.
Was hängenbleibt
Nicht jeder Rückgang hat dieselbe Ursache.
Diesmal rückten zum Monatsende die Bilanzen weniger Großkonzerne und eine Wahl in den Vordergrund.
Für November zählen der US-Arbeitsmarktbericht am 6. November, die neuen Inflationszahlen aus den USA und dem Euroraum und der Blick auf die Notenbanksitzungen im Dezember. Kein Hexenwerk, nur Handwerk.
Bleiben Sie gelassen, wir tun es auch. Bis zur nächsten Ausgabe.
Häufige Fragen
Warum hat die US-Notenbank pausiert, obwohl die US-Inflation steigt?
Sie hatte erst im September erhöht, und Zinsschritte wirken mit Verzögerung. Zugleich kamen am US-Arbeitsmarkt zuletzt weniger neue Stellen hinzu: Im September wuchs die Beschäftigung außerhalb der Landwirtschaft nur um 29.000 Stellen. Eine Pause gibt Zeit zu sehen, wie der letzte Schritt ankommt, so jedenfalls unsere Lesart. Zwei Mitglieder sahen das anders und stimmten für eine Erhöhung. Die nächste Sitzung ist am 8. und 9. Dezember. Bis dahin liegen neue Zahlen zu Inflation und Arbeitsmarkt vor, und an ihnen wird sich die nächste Entscheidung messen lassen.
Warum fallen Aktien, wenn Unternehmen viel investieren?
Investitionen sind zunächst Ausgaben. Ein Konzern, der in einem Quartal mehr in Rechenzentren steckt, als sein Geschäft einbringt, verbraucht Geld, statt es zu erwirtschaften. Anleger fragen dann, wann und wie stark sich diese Ausgaben auszahlen. Je höher eine Aktie bewertet ist, desto mehr Zuversicht steckt schon im Kurs und desto empfindlicher reagiert er auf Zweifel. Die Alphabet-Aktie fiel am 29. Oktober um knapp 13 Prozent. Das heißt nicht, dass die Investitionen falsch sind. Es heißt nur, dass der Markt die Rechnung neu aufmacht.
Was bedeutet die Wahl in Brasilien für Anleger aus dem Euroraum?
Zunächst eine stärkere Schwankung. Wer in brasilianische Aktien anlegt, trägt zwei Risiken: die Kursbewegung an der Börse und den Wechselkurs des Real. Fallen beide gleichzeitig, wie nach der Stichwahl, verstärken sie sich gegenseitig, in Euro gerechnet kommt es dabei auf den Kurs des Real zum Euro an. Politische Brüche wie dieser sind ein Grund, warum Börsen in Schwellenländern oft niedriger bewertet sind als in großen Industrieländern. Eine niedrige Bewertung ist deshalb kein Sicherheitsversprechen, sondern der Preis für ein höheres Risiko. Streuung und ein schrittweiser Aufbau können einzelne Risiken begrenzen, Markt- und Währungsverluste bleiben aber möglich.
Gilt diese Einordnung automatisch für jedes Depot?
Nein. Der Marktbrief beschreibt die allgemeine Strategie und ihre Wirkungswege. Ein einzelnes Depot kann davon im Detail abweichen, etwa durch den Einstiegszeitpunkt, das vereinbarte Risikoprofil, die Anlagesumme oder individuelle Rahmenbedingungen. Aus diesem Brief lässt sich deshalb weder eine persönliche Aufteilung noch eine konkrete Handlung ableiten. Maßgeblich für Ihren eigenen Stand ist Ihr individuelles Reporting. Wenn Sie wissen möchten, wie sich die beschriebenen Zusammenhänge in Ihrem Depot abbilden, gehen wir das gerne persönlich mit Ihnen durch.
Philipp Schütz, Die BeratungsManufaktur GmbH
Diese Information dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine Anlageberatung oder Empfehlung dar. Jede Kapitalanlage ist mit Risiken verbunden, bis hin zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals.